Coquimbo, Landau 12. August 2026.
Seit 2021 führt eine Forschergruppe um Dr. Alejandro Simeone (1) im Auftrag von Sphenisco Forschungen zu Bestand, Bruterfolg und Nahrungssuche des Humboldt Pinguins in Chile durch. Gefördert wird das Projekt von der Artenschutz-Stiftung Zoo Karlsruhe, dem Zoo Dresden und vom Förderverein Tierpark Hagenbeck. Guillermo Luna-Jorquera (2), Nicolás Luna (2) (3), Karen Lau (2), Mylene Seguel (2) (4) haben im August 2026 einen Abschlussbericht hinsichtlich des Bruterfolgs im Zeitraum 2021 bis 2025 vorgelegt. Der Bericht trägt den Titel „Fortpflanzungsverhalten des Humboldt-Pinguins (Spheniscus humboldti) auf den Inseln Chañaral und Choros im Nationalreservat „Pingüino de Humboldt“, Zeitraum 2021–2025“ (siehe PDF-Datei). Die Forscher planen, den Bericht in einer Fachzeitschrift zu veröffentlichen. Im Folgenden werden Auszüge und kurze Kapitel wiedergegeben:
"Zusammenfassung
Zwischen 2021 und 2025 haben wir die Brut des Humboldt-Pinguins (Spheniscus humboldti) Nest für Nest auf den beiden Hauptinseln des Nationalreservats Pingüino de Humboldt, Isla Chañaral und Isla Choros, verfolgt. Insgesamt kontrollierten wir 257 Nester, in denen 440 Eier registriert wurden, 343 Küken schlüpften und 305 Küken eine Größe erreichten, die dem Flüggewerden entspricht, also dem Verlassen des Nestes in Richtung Meer.
Die Ergebnisse enthalten zwei sehr unterschiedliche, aber gleichermaßen wichtige Informationen:
1. Wenn die Pinguine brüten, tun sie es erfolgreich. In normalen Brutzeiten schlüpft die Mehrzahl der Eier (74–90 %) und die Mehrzahl der geschlüpften Küken wird flügge (83–95 %). Die Insel Choros hebt sich dabei durchgehend hervor: Dort konzentrierten sich zwei Drittel der Eier und drei Viertel der Küken der gesamten Studie.
2. Das Problem ist nicht der Erfolg pro Nest, sondern wie viele Paare überhaupt einen Brutversuch unternehmen. Die Zahl der Paare mit Gelege sank von 117 im Jahr 2021 auf 91 im Jahr 2022, auf null im Jahr 2023, auf ein einziges Paar im Jahr 2024 und auf 38 im Jahr 2025. In den Jahren 2023 und 2024 kam die Fortpflanzung also nahezu vollständig zum Erliegen, und 2025 erreichte die Erholung lediglich ein Drittel des Niveaus von 2021.
Dieses Muster fällt zeitlich mit zwei Ereignissen zusammen, die außerhalb der Kolonien liegen: dem Auftreten der hochpathogenen Aviären Influenza (H5N1) im Norden Chiles Ende 2022 und dem El-Niño-Ereignis 2023–2024. Die Kombination aus Mortalität der Altvögel und Nahrungsmangel erklärt das Beobachtete besser als irgendein Problem auf den Inseln selbst, die nach wie vor gute Bedingungen zum Nisten bieten. (…)
Ergebnisse
Tabelle 1: Bruttätigkeit des Humboldt-Pinguins auf den Inseln Chañaral und Choros, Saisons 2021–2025. Paare = Nester mit mindestens einem Ei. Eier/Nest als Mittelwert (Standardabweichung). |
Vergleich zwischen den Inseln
Vergleicht man die aufsummierten Werte der fünf Zeiträumen, ist der Unterschied zwischen den beiden Inseln deutlich:
Tabelle 2: Kumulierte Werte 2021–2025 je Insel. |

Die Isla Choros lieferte fast doppelt so viele Nester wie Chañaral (161 gegenüber 96), fast doppelt so viele Eier (290 gegenüber 150) und fast dreimal so viele geschlüpfte Küken (256 gegenüber 87) sowie flügge Jungvögel (229 gegenüber 76). Von den 440 Eiern der Studie wurden 66 % auf Choros gelegt; von den 343 geschlüpften Küken schlüpften 75 % auf Choros; und von den 305 flügge gewordenen Jungvögeln stammten 75 % von Choros.
Ein Teil dieses Unterschieds erklärt sich schlicht aus der höheren Zahl der auf Choros verfolgten Nester, aber nicht der gesamte: Die Paare auf Choros legten mehr Eier je Nest (1,91 und 1,96 in den Jahren 2021 und 2022 gegenüber 1,70 und 1,63 auf Chañaral) und hatten höhere und stabilere Schlupfraten. Chañaral war zugleich die Insel, auf der der Einbruch von 2023–2024 am deutlichsten sichtbar wurde: von 40 Paaren im Jahr 2021 auf ein einziges im Jahr 2024.
Sobald die Küken jedoch geschlüpft sind, verhalten sich die beiden Inseln gleich: Die kumulierte Flüggerate betrug 87 % auf Chañaral und 89 % auf Choros. Der Engpass liegt nicht in der Aufzucht, sondern darin, dass die Paare überhaupt zur Eiablage kommen.
(…) Das Brutversagen der Jahre 2023 und 2024
Die Jahre 2023 und 2024 zeigen keinen schlechten Bruterfolg — sie zeigen das Ausbleiben der Fortpflanzung. 2023 wurde auf beiden Inseln kein einziges Gelege registriert, und 2024 gab es lediglich ein Paar mit einem Ei auf Chañaral, aus dem ein Küken hervorging. Ein Ergebnis dieses Ausmaßes lässt sich nicht durch Prädation (5), schlechtes Wetter oder Probleme des Nisthabitats erklären, denn die Schlupf- und Flüggeraten der zeitnahen Perioden waren hoch. Es erklärt sich dadurch, dass die Altvögel schlicht keinen Brutversuch unternahmen — oder nicht da waren.
Pinguine sind langlebige Vögel, die ihr eigenes Überleben über den Erfolg einer einzelnen Saison stellen. Wenn Nahrung knapp ist, besteht die adaptive Antwort darin, die Brut auszusetzen und es im folgenden Jahr erneut zu versuchen. Genau das scheint geschehen zu sein, und es deckt sich mit Beobachtungen aus anderen chilenischen Kolonien in denselben Jahren, aus denen ebenfalls drastische Rückgänge der Zahl der Brutpaare gemeldet wurden.
(...) Die teilweise Erholung im Jahr 2025 — 38 Paare mit Gelege bei normalen Schlupf- und Flüggeraten — ist ein ermutigendes, aber bescheidenes Signal: Sie entspricht lediglich einem Drittel der Paare von 2021. Bei einer Fruchtbarkeit von etwa 1,5 Eiern je Nest und einer Geschlechtsreife im Alter von zwei bis drei Jahren wird die Rückkehr auf das Niveau von 2021 mehrere aufeinanderfolgende Brutperioden mit guten ozeanographischen Bedingungen erfordern.
Konsequenzen für das Management
- Das Nisthabitat ist nicht der begrenzende Faktor.
Die hohen Schlupf- und Flüggeraten auf beiden Inseln zeigen, dass der Schutz des Reservats wirkt: Wenn die Paare Eier legen, kommen die Küken durch. Das rechtfertigt es, die Kontrolle eingeschleppter Prädatoren (5) und die Regulierung des Tourismus fortzuführen, mahnt aber zugleich, dass keine Maßnahme an Land den Nahrungsmangel im Meer ausgleichen kann.
- Die Isla Choros verdient einen vorrangigen Status.
Auf sie entfielen 75 % der Küken und der flügge gewordenen Jungvögel der Studie, und sie weist die größten Gelege auf.
- Das Monitoring muss kontinuierlich sein.
Ein stabiles Protokoll von fünf bis sechs Kontrollgängen je Saison. Und darüber hinaus eine Fortführung des Monitorings über mehrere Jahre.
- Die Alarmbereitschaft bleibt bestehen.
In Chile wurden im Jahr 2026 neue Fälle von Aviärer Influenza festgestellt, und die Klimaprojektionen deuten auf das Eintreten eines starken El-Niño-Ereignisses hin — ein Szenario, das die Aufrechterhaltung und Verstärkung des laufenden Monitorings erfordert (offener Brief der Wissenschaftsgemeinschaft).“
W.K.
Anmerkungen
Zur besseren Lesbarkeit wird in diesem Artikel das generische Maskulinum verwendet. Die im Beitrag verwendeten Personenbezeichnungen beziehen sich – sofern nicht anders kenntlich gemacht – auf alle Geschlechter.
(1) Instituto One Health, Universdad Andrés Bello, Santiago, Chile.
(2) Center for Ecology and Sustainable Management of Oceanic Islands, Departamento de Biología Marina, Universidad Católica del Norte, Coquimbo Chile.
(3) ECOLAB, Animal Ecology, Conservation & Science Communication, Research and Technology Centre, Christian-Albrechts-Universität, Kiel, Germany.
(4) Medicina Veterinaria, Facultad de Agronomía, Universidad del Alba, La Serena, Chile.
(5) Prädator bezeichnet in der Biologie einen Organismus, der einen anderen zum Zweck der Nahrungsaufnahme nutzt und dabei meist tötet.
