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Population der Humboldt-Pinguine um knapp zwei Drittel reduziert

Landau 25. März 2026. Dr. Alejandro Simeone hat neue Zahlen zum Bestand der Humboldt-Pinguine vorgelegt (1) und die starke Reduktion der Population – um 63% gegenüber 2021/22 - auch für Chile bestätigt. Die aktullen Erhebungen sind Teil eines 6-jährigen Forschungsprojektes im Auftrag von Sphenisco und wird von der Artenschutz-Stiftung Zoo Karlsruhe, dem Freundeskreis des Tierparks Hagenbeck und dem Zoo Dresden gefördert. Der folgende Text stellt das wichtigste Ergebnis und die Diskussion der Ergebnisse vor. Zusammenfassungen, Einleitung, Material und Methoden, weitere Ergebnisse, vollständige Diskussion, Danksagungen und Literatur können dem vollständigen Bericht entnommen werden (1) (2) (wird nachgereicht).

Ergebnisse
„In den Jahren 2024 und 2025 besuchten wir 11 Inseln mit Humboldt-Pinguin-Brutkolonien, von der Insel Pan de Azúcar bis zur Insel Pájaro Niño. Die Populationsgrößen für jede Insel sind in Tabelle 1 aufgeführt. Die Zählungen fanden hauptsächlich in der Frühlingssaison (Sept.-Dez.) statt, einige wurden jedoch auch in der Herbstsaison (März-Juni) durchgeführt (siehe Tabelle 1). Um den Vergleich mit der vorherigen Studie (Simeone et al. 2023) zu erleichtern, enthält Tabelle 1 auch die in den Jahren 2021 und 2022 durchgeführten Zählungen.

Tabelle 1. Größe der Brutpopulation (Anzahl aktiver Nester) von Humboldt-Pinguinen auf Inseln in Nord- und Zentralchile, Zeitraum 2021-2025. Werte geben Zählungen in der Frühlingssaison (Sept.-Dez.) an; Werte mit (*) bezeichnen Zählungen in der Herbstsaison (März-Juni). Bei mehreren Messungen wird der höhere Wert berücksichtigt.
Tabelle 1

Um den Unterschied zwischen den in den Jahren 2021/22 und 2025 erfassten Populationsgrößen zu bewerten, verglichen wir die Daten derjenigen Inseln, für die in beiden Zeiträumen Informationen vorlagen. Bei Inseln mit Angaben von zwei Populationsgrößen im selben Jahr (Herbst und Frühling) wurde stets der höhere Wert herangezogen. Dieser Vergleich (Tabelle 2) zeigt, dass auf allen Inseln in den verglichenen Zeiträumen ein Rückgang verzeichnet wurde. Die stärksten Rückgänge wurden auf den Inseln der nördlichen Zone (26-29°S) registriert, mit Rückgängen zwischen 66% (Tilgo) und 91% (Pan de Azúcar). In der zentralen Zone (32-33°S) fielen die Rückgänge geringer aus, zwischen 21% (Pájaro Niño) und 36% (Insel Cachagua).

Tabelle 2. Vergleich der Brutpopulationsgrößen (Anzahl aktiver Nester) von Humboldt-Pinguinen im Zeitraum 2021/2022 und 2025.
Tabelle 2

Diskussion
„Die Ergebnisse des vorliegenden Berichts zeigen, dass sich die Größe der Brutpopulation des Humboldt-Pinguins auf den Inseln in Nord-Zentralchile im Zeitraum 2021/2022 und dem Jahr 2025 um 63% verringert hat. Dieser Rückgang war in der nördlichen Zone (26-29°S) stärker ausgeprägt, die Kolonien nahmen zwischen 66% und 91% ab, während die Populationen in der zentralen Zone (32-33°S) um 21% bis 36% zurückgingen. Der A/I-Index, der das Verhältnis zwischen aktiven und inaktiven Nestern ausdrückt, stimmt mit diesem Rückgang überein (…) Dieser Rückgang könnte zwei Erklärungen haben:
1. Die hohe im Jahr 2023 registrierte Sterblichkeit von Pinguinen - zurückgeführt auf den Ausbruch der Vogelgrippe und
2. das Auftreten eines schweren El-Niño-Ereignisses im Zeitraum 2023/2024.

Im Dezember 2022 wurde in Chile der erste Fall toter Vögel durch die hochpathogene Vogelgrippe (H5N1) gemeldet. Diese Krankheit tötete etwa 100.000 wildlebende Vögel (…) Muñoz et al. (2024) berichteten, dass zwischen Januar und August 2023 mehr als 2.700 Pinguine (größtenteils Humboldt-Pinguine) an der chilenischen Küste starben - eine Zahl, die laut Statistiken des Servicio Nacional de Pesca y Acuicultura (Sernapesca) bis Ende Dezember 2023 auf 3.500 anstieg. Obwohl diese Pinguinsterblichkeit der Vogelgrippe zugeschrieben wurde, sind möglicherweise auch andere Ursachen beteiligt. Segura-Cobeña et al. (2025) schätzen auf der Grundlage von Befragungen von Kleinfischern, dass im Jahr 2023 mehr als 4.000 Humboldt-Pinguine durch Wechselwirkungen mit der Fischerei im Bereich vom Nordperu bis Zentralchile ums Leben kamen, hauptsächlich durch Ertrinken in Stellnetzen. Wahrscheinlich hatten die im Jahr 2023 beobachtete hohe Pinguinsterblichkeit gemischte Ursachen; unabhängig davon ist unbestreitbar, dass es sich um ungewöhnlich hohe Sterblichkeitsraten handelte, verglichen mit früheren Jahren (Simeone et al. 2021, Muñoz et al. 2024).

Ab Juni 2023, mitten im Vogelgrippe-Ausbruch, wurde der Beginn eines El-Niño-Ereignisses erklärt, das sich bis April 2024 erstreckte und die ozeanographischen Bedingungen und die Meeresproduktivität im Pazifik erheblich veränderte (Minobe et al. 2025; Peng et al. 2025). Dies erklärt die sehr geringe Brutaktivität des Humboldt-Pinguins, die in diesem Jahr auf den besuchten Inseln beobachtet wurde - bis hin zum vollständigen Ausbleiben von Brutbemühungen auf der Insel Choros im Frühling 2024 (siehe Tabelle 1). Während El-Niño-Ereignissen nimmt die Brutaktivität der Humboldt-Pinguine um 55% bis 85% ab, und die wenigen Vögel, die brüten, haben einen geringen Bruterfolg (Simeone et al. 2002).

Die Kombination dieser beiden Faktoren, die in der zweiten Hälfte des Jahres 2023 synergetisch und gleichzeitig wirkten, könnte den drastischen Rückgang der Brutpopulationsgröße des Humboldt-Pinguins weitgehend erklären. Obwohl das Niveau von 2021-2022 nicht erreicht wird, zeigen unsere Daten, dass ab 2025 auf allen untersuchten Inseln eine leichte Bestandserholung zu beobachten ist. Diese Erholung könnte darauf zurückzuführen sein, dass die Pinguine nach dem Ende von El Niño in ihre Kolonien zurückkehren, um zu brüten, nachdem sich die ozeanographischen Bedingungen verbesserten. Eine solche Erholung wurde nach den El-Niño-Ereignissen 1982/83 (Araya & Todd 1988) und 1997/98 (Simeone et al. 2002) beobachtet. Obwohl diese Erholung in der Regel schnell verläuft - insbesondere unter La-Niña-Bedingungen -, ist es im vorliegenden Fall sehr wahrscheinlich, dass sie langsam verlaufen wird, da ein erheblicher Teil der Population im Jahr 2023 gestorben ist. Es ist schwer vorherzusagen, wie sich diese hohe Sterblichkeit auf die Populationsstruktur und -dynamik des Humboldt-Pinguins auswirken wird – insbesondere bei einer Art mit geringer Reproduktionsrate, die sehr empfindlich auf lokale ozeanographische Bedingungen reagiert (Simeone et al. 2002, Simeone & Wallace 2014).

Obwohl die vorliegende Studie nicht alle im Landesmaßstab beschriebenen Brutkolonien erfasste, entsprechen die 11 bewerteten Inseln dem historischen Brutkern des Humboldt-Pinguins in Chile. Bei der im Jahr 2017 durchgeführten Zählung, die 45 Kolonien umfasste und 5.067 Brutpaare auf nationaler Ebene verzeichnete, konzentrierte sich in den Kolonien zwischen 26°S und 33°S der größte Anteil der chilenischen Population (Simeone et al. 2018). Mehrere der in dieser Studie einbezogenen Inseln (z.B. Choros, Chañaral, Tilgo, Pájaros 1 und Cachagua) zählten bei dieser Zählung zu den größten Kolonien und sind diejenigen, die der Plan RECOGE als die wichtigsten zu überwachenden Inseln benennt. Zusammen repräsentierten diese Kolonien etwa 90% der 2017 geschätzten Gesamtzahl der Brutpaare, was darauf hinweist, dass das in den Jahren 2024/2025 durchgeführte Monitoring den demographisch relevantesten Teil der chilenischen Humboldt-Pinguinpopulation abdeckte.

Der Humboldt-Pinguin ist eine Art, die in den letzten 40-50 Jahren in Chile einem konstanten Bestandsrückgang unterworfen war (Araya 1983, Simeone et al. 2018, Simeone et al. 2023). Infolgedessen wurde die Art 2025 vom chilenischen Umweltministerium in die Kategorie "stark gefährdet" (EN) eingestuft. Im Jahr 2026 wurde sie zum Naturdenkmal erklärt, was ihr im gesamten nationalen Territorium (unabhängig davon, ob es sich um ein Schutzgebiet handelt oder nicht) Schutz gewährt und ihre Bejagung, Einfangen und Belästigung verbietet. Diese Schutzmaßnahmen wurden größtenteils durch Programme zur Dokumentation des Bestandes ermöglicht, die eine Verfolgung der Populationsentwicklung über die Zeit erlauben. Es ist daher von großer Bedeutung, dass diese Monitorings fortgesetzt werden, um die Maßnahmen zu bewerten, die zukünftig zum Schutz dieser ikonischen Art des Humboldt-Stroms ergriffen werden sollten.“

Aktueller Zusatz von Sphenisco
Die Untersuchung von Simeone, A. et al. dokumentiert die negative Entwicklung der Population, stiftet aber auch Hoffnung, da die Daten eine leichte Erholung der Population am Ende 2025 belegen. Diese Hoffnung wird aktuell durch mehrere schlechte Nachrichten gedämpft: Am 4. März 2026 bestätigte die staatliche Behörde für Landwirtschaft und Viehhaltung (SAG) die Existenz der hochpathogen Vogelgrippe (H5N1) bei Wildtieren in der Region Valparaíso. Meteorologen erwarten in der zweiten Jahreshälfte einen sogenannten „Super-El-Niño“. Als wäre dies alles nicht schlimm genug, stoppt die neue Regierung von Präsident Kast in dieser Notsituation auch noch die Realisierung des Projektes „Naturdenkmal Humboldt-Pinguin“. Damit entziehen die Verantwortlichen der in ihrer Existenz bedrohten Art möglichen Schutz (siehe “Regierung Kast stoppt ...“ 19. März 2026). In dieser existenziellen Krise sind die Humbold-Pinguine auf mutige Unterstützer und Freunde angewiesen. Lasst uns trotz alledem das Mögliche zu ihrer Rettung tun!

W.K.

Anmerkungen
Zur besseren Lesbarkeit wird in diesem Artikel das generische Maskulinum verwendet. Die im Beitrag verwendeten Personenbezeichnungen beziehen sich – sofern nicht anders kenntlich gemacht – auf alle Geschlechter.

(1) Simeone, A., P. Arce, M. Daigre, U. Ellenberg, T. Mattern. 2026. Größe der Brutpopulation des Humboldt-Pinguins auf Inseln in Nord-Zentralchile (2024/2025). Abschlussbericht Proyecto Sphenisco. Santiago, Chile. 18 S.
(2) Dr. Simeone wird die Ergebnisse auch auf der 12. Internationalen Pinguin-Konferenz vom 31. August – 4. September 2026 in Australien vorstellen. Außerdem plant er sie in einer Fachzeitschrift zu veröffentlichen.

 

Hinweis

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