News

12. Weltpinguinkonferenz 2026 - 2. Teil

 Nürnberg, 28. September 2026

2. Teil

„Rückgang der Humboldt-Pinguine in Chile und Peru“
„News über Nahrungssuche von Humboldt-Pinguinen“
„Methoden zur Zählung von Humboldt-Pinguinen“
„Neue Technologien zum Einsatz in der Pinguinforschung“

Tag 3, 02.09.2026

Am dritten Konferenztag nahmen weitere Vorträge zu Forschungsergebnissen zu Humboldtpinguinen einen bedeutenden Raum ein:

Dr. Alejandro Simeone präsentierte in seinem Vortrag „Declining Humboldt penguins in Chile: trends, possible causes and future perspectives“ (1) die Ergebnisse u.a. auch von Sphenisco e.V. geförderter Monitoringprogramme zur Bestandsentwicklung der Humboldtpinguine in Chile.

Dr. Simeone stellte dar, dass die Hälfte der weltweit 18 Pinguinarten derzeit als gefährdet gilt und bei 12 Arten die Bestände signifikant zurückgehen. Der Humboldtpinguin selbst kommt ausschließlich von Nordperu bis Südchile vor und wird regional - aufgrund stark rückläufiger Bestände - als „stark gefährdet“ eingestuft.

Um langfristige Bestandstrends der chilenischen Humboldtpinguinpopulation zu charakterisieren, analysierte die Forschungsgruppe um Dr. Simeone verfügbare Daten für den Zeitraum 1980–2025. Dabei wurden nur Daten berücksichtigt, die für eine bestimmte Kolonie und ein bestimmtes Jahr die maximale Zahl der Brutpaare aus direkten Zählungen angaben. So wurden Daten für sieben Kolonien entlang der chilenischen Küste zwischen 26° und 33° südlicher Breite ausgewertet. Zusammen umfassten diese Kolonien in den 1980er-Jahren etwa 8.000 Paare, in den 2020er-Jahren jedoch nur noch etwa 2.000 Paare, was einem Rückgang von 75 % in 40 Jahren beziehungsweise etwa drei Generationen entspricht.

Im Untersuchungszeitraum gingen vier Kolonien (Pan de Azúcar, Chañaral, Huevos und Pájaro Niño) mit durchschnittlich 5,1 bis 8,1 % pro Jahr zurück; die größten absoluten Verluste traten in den 1980er- und 1990er-Jahren auf. Die übrigen Kolonien (Choros, Pájaros und Cachagua) zeigten keine eindeutigen Trends.

Diskutiert wurde die Rolle relevanter Bedrohungen, darunter Wechselwirkungen mit der Fischerei (Mortalität und Ressourcenkonkurrenz), eingeschleppte Arten und zuletzt Krankheitsausbrüche. Zudem wurde thematisiert, wie die Verwendung unterschiedlicher Methoden zur Überschätzung der Populationsgröße dieser Art beigetragen hat. Die Studie wurde auch durch Sphenisco e.V. in Kooperation mit der Universidad Andrés Bello (Chile) unterstützt.

Im anschließenden Vortrag „Do Humboldt penguins forage differently across colonies? A multi-site tracking study“ (2) stellte Frau Dr. Cárdenas-Alayza in Vertretung von Dr. Carlos Zavalaga dar, dass das Verständnis räumlicher Unterschiede im Nahrungssuchverhalten entscheidend ist, um zu beurteilen, wie Seevogelpopulationen auf Umweltvariabilität und menschliche Aktivitäten reagieren.

Untersucht wurden die Bewegungen von Humboldtpinguinen während der Kükenaufzucht auf See an drei Kolonien im südlich-zentralen Peru mithilfe von GPS-Datenloggern: Melchorita (MEL), Chincha Norte Is. (CHN) und Punta San Juan (PSJ). Diese Studie ist die erste Untersuchung über mehrere Kolonien hinweg zu Nahrungssuchreichweiten und Kernnutzungsgebieten dieser Art innerhalb des Humboldtstromsystems.

Es zeigten sich dabei koloniespezifische Unterschiede in den Bewegungsmustern, darunter Unterschiede in der maximalen Nahrungssuchreichweite (MEL = 24 km, CHN = 28 km, PSJ = 30 km) und in der räumlichen Konzentration der Kernnutzungsgebiete (MEL = 18 km², CHN = 52 km², PSJ = 136 km²). Über alle Kolonien hinweg zeigten die Pinguine überwiegend küstennahe Nahrungssuchstrategien, wobei der größte Teil der Aktivität relativ nahe an den Brutstandorten stattfand. Die Kerngebiete waren räumlich strukturiert und überschnitten sich häufig mit Zonen, die von handwerklicher und kommerzieller Fischerei genutzt werden. Diese Muster legen nahe, dass potenzielle Wechselwirkungen mit der Fischerei lokal begrenzt und koloniespezifisch sind.

Durch den ersten vergleichenden Rahmen für die Nahrungssuchökologie von Humboldtpinguinen an mehreren Kolonien in Peru liefert die Studie neue Erkenntnisse über die räumliche Ökologie der Art und ihre Exposition gegenüber menschlichen Aktivitäten. Die Daten bilden eine wertvolle Grundlage für die Identifizierung von Nutzungsprioritäten und das Verständnis der Interaktion von Pinguinen mit heterogenen Meeresumwelten. Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung koloniespezifischer Dynamiken bei der Naturschutzplanung und dem Fischereimanagement im Humboldtstrom-Ökosystem.

Der Vortrag „Comparison of Fine-scale Breeding and Molt Data to Reveal Population Change in Humboldt Penguins in Peru“ (3) von Dr. Patty McGill thematisierte die Diskussion über die beste beziehungsweise bevorzugte Methode zur Abbildung der Populationsgröße bei der Zählung von Humboldtpinguinen.

Jährliche Mauserzählungen von Humboldtpinguinen werden seit 2000 an wichtigen Standorten an der Küste Perus durchgeführt. Im Laufe der Jahre zeigten die Zählungen zwischen 2000 und 2015 einen positiven Trend und danach einen negativen Trend.

Punta San Juan (PSJ) war traditionell die bedeutendste Brutkolonie Perus. Wichtig ist, dass dies der einzige Standort ist, für den zugleich mehr als ein Vierteljahrhundert an Daten über Humboldtpinguine, einschließlich Mauser- und Brutzählungen vorliegt. So liegen die Zählwerte in allen Jahren innerhalb derselben Größenordnung, doch in manchen Jahren ist die Brutzählung höher und in anderen die Mauserzählung. Beide Methoden ergaben im Jahr 2000, kurz nach dem außergewöhnlich starken El-Niño-Ereignis (ENSO) von 1997/98, niedrige Werte.

Alarmierend ist, dass die Zählungen von PSJ im Jahr 2025 mit beiden Methoden sogar niedriger ausfallen als 2000; die Gründe dafür sind noch nicht vollständig bekannt. Da die Mauserzählungen jedoch bedeutende Standorte entlang der gesamten peruanischen Küste umfassen, zeigt die Gesamtmauserzählung eine deutliche Verschiebung der Humboldtpinguine nach Norden. Die fortgesetzte Mauserzählung macht somit ein großräumiges Muster sichtbar, das auf der kleinräumigen Ebene einzelner Standorte nicht erkannt wird.

Von Interesse für die Humboldtpinguine waren auch anschließende Vorträge zu Forschungsergebnissen und Schutzmaßnahmen für die stark vom Aussterben bedrohten (mit den Humboldtpinguinen verwandten) afrikanischen Brillenpinguine. Vorgestellt wurde z. B. ein Projekt, bei dem Handaufzuchten junger Pinguine aus Rettungs- und Rehabilitationszentren an einem Platz ausgewildert werden, an welchem das Nahrungsangebot besser und der Fischereidruck geringer ist als an den aktuellen Kolonien („Re-establishment of an African penguin colony: Refining strategies for bolstering recruitment potential“ (4)). Dieser Standort war auch vor längerem bereits ein Koloniestandort, war aber zwischenzeitlich von den Pinguinen verlassen worden. Ziel dieser Neuansiedlung ist es, langfristig neue Kolonien zu etablieren an Standorten mit besseren Rahmenbedingungen für die Pinguine und so zum Arterhalt beizutragen. Erste Ergebnisse z. B. zu den Rückkehrraten der ausgewilderten Jungpinguine sind positiv. Vielleicht auch ein Modell für die Humboldtpinguine?

Tag 4, 03.09.2026

Neben einer Vielzahl interessanter Vorträge z. B. zu Erkenntnissen aus der Einrichtung von Fischereiverbotszonen in Südafrika („Penguins, prey and policy: evaluating new fisheries closures for the Critically Endangered African Penguin“ (5)) sowie der Analyse, wie El-Niño-bedingte Erwärmung und Anchovisverfügbarkeit das Brutverhalten von Humboldtpinguinen aus Punta San Juan beeinflussen („Linking El Niño-driven ocean warming and anchovy availability on Humboldt penguins breeding phenology in Punta San Juan, Peru“ (6)), war am 4. Konferenztag ein weiterer Vortrag mit Ergebnissen von Sphenisco e.V. geförderten Forschungen von besonderem Interesse für die Belange der Humboldtpinguine:

Frau Dr. Ursula Elleneberg zeigte im Vortrag „Living with the enemy: Humboldt penguins appear to defy fisheries and coastal development in central Chile“ (7) im Vergleich zweier chilenischer Gebiete auf, dass Humboldtpinguine trotz Fischerei und Küstenentwicklung lokal stabil sein können, zugleich aber ein verbesserter mariner Schutz nötig bleibt.

Humboldtpinguine wurden in Chile kürzlich in die Kategorie „stark gefährdet“ hochgestuft. Dr. Ellenberg und ihr Team untersuchten ihren Populationsstatus und ihr Nahrungssuchverhalten in unterschiedlichen Umgebungen. Während die Populationen im Humboldt-Archipel dramatisch zurückgegangen sind, scheint die Art auf der Isla Cachagua vor der dicht besiedelten Region Valparaíso in Zentralchile zu gedeihen. Trotz ungünstiger Umweltbedingungen, einschließlich des El-Niño-Ereignisses 2023/24, das die Brut in weiten Teilen des Verbreitungsgebiets unterdrückte, brüteten die Humboldtpinguine auf der Isla Cachagua weiterhin erfolgreich.

Um die Ursachen dieser scheinbaren Resilienz zu untersuchen, wurden über drei aufeinanderfolgende Brutsaisons GPS-Tauchlogger und „PenguCams“ eingesetzt. Die Daten zeigen überwiegend küstennahe Nahrungssuche, wobei der größte Teil des Tauchaufwands innerhalb von 5 km von der Küste stattfand und die Kernaktivität innerhalb von 20 km südlich der Insel konzentriert war. Bemerkenswerterweise suchte mehr als die Hälfte der erfassten Individuen in der Nähe von Quintero nach Nahrung, einem stark industrialisierten Gebiet; gelegentlich gelangten sie sogar in die Bucht und suchten zwischen intensivem Hafenverkehr nach Nahrung.

Industrieaktivität und dichter Seeverkehr könnten die handwerkliche Fischerei aus küstennahen Bereichen effektiv verdrängen und dadurch fischereibedingte Mortalität und Beuteverknappung reduzieren. Faktoren, die an diesem Standort offenbar stärker wiegen als die unmittelbaren negativen Effekte von Verschmutzung und Störung. Die scheinbare Resilienz der Pinguine von Cachagua sollte jedoch nicht als Toleranz gegenüber industrieller Entwicklung missverstanden werden. Solche Umgebungen bringen eigene Belastungen für eine ohnehin gefährdete Art mit sich und können echten Lebensraumschutz nicht ersetzen.

Im Zuge der Herausforderungen und Chancen des Naturschutzes im Zusammenhang mit Küstenentwicklung wurde im Vortrag die Notwendigkeit eines verbesserten Meeresschutzes angesichts des sich beschleunigenden Umweltwandels betont.

Frau Dr. Ellenberg dankte Sphenisco e.V. für die Förderung der Forschungsarbeit. (siehe auch Artikel „Humboldt-Pinguinen auf der Spur“ vom 13. Sept. 2026)

Der Konferenztag endete mit einem Besuch des Phillip Island Visitor Centers. Nach einer „Water Ceremony“ konnten die Konferenzteilnehmerinnen und -teilnehmer nach Einbruch der Dämmerung der Rückkehr hunderter Zwergpinguine von See in ihre Brutkolonie beiwohnen. Ein beeindruckendes Erlebnis!

Tag 5, 04.09.2026 / Abschlusstag

Am 04.09. ging die 12. Internationale Pinguinkonferenz zu Ende; vollgepackt mit einer großen Fülle an Informationen, Forschungsergebnissen und Austausch, die im vorliegenden Artikel nur auszugsweise wiedergegeben werden können (siehe Programm IPC12).

Vor der Prämierung des besten Vortrags, Verabschiedung und Abschluss am Nachmittag, gab es auch am letzten Tag nochmals eine Vielzahl an Vorträgen. Am Abschlusstag standen weniger die Humboldt-Pinguine selbst im Fokus, aber es gab etliche Vorträge zu aktuellen technischen Entwicklungen, welche auch die Forschung an den Humboldtpinguinen weiterentwickeln könnten. Als Stichworte hierzu seien genannt: KI-gestützte Auswertung von Bildern von an Kolonien fest installierten Kameras; KI-gestützte Auswertung von Tonaufnahmen zur Zählung von Kolonien samt Unterscheidung von Individuen anhand ihrer Rufe; Einsatz von „Event-Kameras“, welche im Wesentlichen Bewegungen erfassen und somit mit geringem Stromverbrauch und Speicherbedarf Datenerfassungen an Pinguinkolonien ermöglichen usw.

Diese modernen Technologien schließen somit auch wieder den Bogen zum Vortrag des Eröffnungstags (siehe Teil 1:“ Why count penguins?“), welcher kritisch die Sinnhaftigkeit des kontinuierlichen „Zählens von Pinguinen“ hinterfragte, in Anbetracht begrenzter Ressourcen und der daraus resultierenden Frage, ob nicht konkrete Erhaltungs- und Schutzmaßnahmen priorisiert werden sollten. Der Einsatz oben genannter und weiterer moderner Technologien könnte dazu beitragen Monitoring effektiver und v.a. auch kostengünstiger durchzuführen.

Leider viel Deprimierendes war zu hören auf der Konferenz zu den Entwicklungen und dem Fortbestand der Pinguine, aber auch Hoffnung Stiftendes. Unerlässlich bleiben wird in jedem Fall die Notwendigkeit des Einsatzes für die Pinguine. Sei es mittels Forschung, Bildungsarbeit, Schutzmaßnahmen, Öffentlichkeitsarbeit und politischer Arbeit. Sphenisco e.V. und sein Einsatz für die Humboldtpinguine ist und wird sicher noch auf lange Sicht wichtig bleiben.

Die Abschlusserklärung der 12. Internationalen Pinguin-Konferenz und der IUCN-Pinguin-Fachgruppe finden Sie im Artikel "Pinguine warnen uns vor einem sich rasch verändernden Planeten".

(Siehe auch Teil 1, in dem Fragen wie „Was hilft Brillen- und Humboldt-Pinguine?“, „Warum Pinguine zählen?“, „Von der Vorhersage zur Vorbereitung von Schutzmaßnahmen“ und dem „Einfluss von El Nino auf Brutaktivität und -erfolg von Humboldt-Pinguinen“ nachgegangen wird.)

Volker Eggert und Isa Karbstein

(1) Simeone, A. 2026. Declining Humboldt penguins in Chile: trends, possible causes and future perspectives. Presentation IPC12.
(2) Zavalaga, C. 2026. Do Humboldt penguins forage differently across colonies? A multi-site tracking study. Presentation IPC12.
(3) McGill, P. 2026. Comparison of Fine-scale Breeding and Molt Data to Reveal Population Change in Humboldt Penguins in Peru. Presentation IPC12.
(4) Hagen, C. 2026. Re-establishment of an African penguin colony: Refining strategies for bolstering recruitment potential. Presentation IPC12.
(5) McInnes, A. 2026. Penguins, prey and policy: evaluating new fisheries closures for the Critically Endangered African Penguin. Presentation IPC12.
(6) Moy, F. 2026. Linking El Niño-driven ocean warming and anchovy availability on Humboldt penguins breeding phenology in Punta San Juan, Peru. Presentation IPC12.
(7) Ellenberg, U. 2026. Living with the enemy: Humboldt penguins appear to defy fisheries and coastal development in central Chile. Presentation IPC12.

Hinweis

Alle Bilder sind Eigentum von Sphenisco e.V. bzw. den genannten Fotografen.

Eine Verwendung ist nur nach Rückfrage und Genehmigung zulässig.