Coquimbo, 27. Januar 2015

 

Sehr geehrte Frau

Michelle Bachelet Jeria

Präsidentin der Republik Chile

 

Eure Exzellenz:

Wir wenden uns an Sie, ebenso wie an die nationalen und regionalen Autoritäten, an die Parlamentarier und die Bürgerschaft von Chile, mit diesem offenen Brief, um die schwerwiegenden Irregularitäten des Verfahrens zur Prüfung der Umweltverträglichkeit  beim Projekt „Hafen Cruz Grande“ öffentlich zur Kenntnis zu bringen. Diese Irregularitäten werden im Falle der Genehmigung dieses Projektes zu irreversiblen Auswirkungen auf das „Nationale Schutzgebiet des Humboldt-Pinguins“, das Meeresschutzgebiet „Choros-Damas“, den „Sitio Prioritario para la Conservación de la Biodiversidad Reserva Marina Punta de Choros“ (Gebiet dessen Biodiversität vorrangig zu schützen ist) und die ebenfalls geschützten „Áreas de Manejo y Explotación de Recursos Bentónicos (AMERB) (geschützte Gebiete zum Abbau von Meeresfrüchten) führen.

Um uns vorzustellen: „Sphenisco“ ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in Deutschland, der sich dem Schutz des von der Ausrottung bedrohten Humboldt-Pinguins widmet (1). Seit Ende der 90-ziger Jahre unterstützen wir, zuerst noch als Privatpersonen, und dann seit 2007 als eingetragener Verein (e.V.), wissenschaftliche Forschung über diese Tierart, die Entwicklung von nachhaltigem Tourismus, Umweltbildung und eine Bürgerbewegung, die wesentlich dazu beitragen konnte, dass der Bau von Kohlekraftwerken in unmittelbarer Nähe des „Nationalen Schutzgebiets des Humboldtpinguins“ verhindert werden konnte.

Angesichts der unmittelbar bevorstehenden Entscheidung über die Umweltverträglichkeit des Hafenprojektes Cruz Grande am kommenden Freitag, den 30. Januar 2015, möchten wir heute erneut öffentlich unsere große Besorgnis darüber zum Ausdruck bringen, dass  diese Entscheidung fallen soll, ohne dass die Mängel und Fehler behoben wurden, gegen die verschiedene staatliche Behörden immer wieder in allen Phasen des Prozesses zur Evaluierung Einwände erhoben haben.

Im Folgenden möchten wir die Ereignisse und Verwaltungsakte benennen, die nicht nachvollziehbar sind, und aufzeigen zu welch schwerwiegenden Konsequenzen dieser   fehlerhafte Evaluationsprozess führen kann:

  1.  Dieses Projekt wurde von der Firma CMP (Compania Minera del Pacífico S.A.) zur Umweltverträglichkeits-Prüfung (SEIA) eingereicht. Geplant ist, dass in dem Hafen jährlich 75 Schiffe umgeschlagen und abgefertigt werden, Frachter für Massengüter mit einem Gesamtvolumen von 300.000 DWT mit einer durchschnittlichen Ladung von 180.000 Tonnen pro Schiff. Hinzu kämen 56 weitere Frachter, die das geplante Minenprojekt „Dominga“ in einem zweiten Hafen abfertigen würde und mit Sicherheit noch weitere, die für indirekte und Drittleistungen benötigt werden. 
  2. Obwohl von Anfang an und in allen weiteren Phasen des Evaluierungsprozesses   Behörden wie CONAF (staatliche Behörde, die für den Schutz des „Nationalen Schutzgebiets des Humboldt-Pinguins“ zuständig ist), Sernapesca (Fischereiministerium) und Subpesca (regionale Fischereibehörde) den erneuten Eintritt des Projektes ins Evaluierungsverfahren nach dem Gesetz Nr. 19.300 Artikel 11 Buchstabe d beantragt und angemahnt hatten, dass die zur Beurteilung erforderlichen Informationen unzureichend sind, wurde dennoch der Prozess der Evaluation weiter fortgesetzt. In diesem Gesetz wird beschrieben, welche relevanten Bedingungen für Projektstandorte zu berücksichtigen sind: „die Niederlassung in oder in der Nähe von Wohngegenden, Naturschutzgebieten, für den Schutz ausersehenen Orten, geschützten Feuchtgebieten, Gletschern, Gebieten also, die Schaden erleiden könnten, im Sinne des Verlusts der gesamten intakten Umwelt in dem Bereich der Aktivitäten der Projekte. (2)
  3. Ebenso wurden die fundierten Forderungen der genannten Behörden ignoriert, das von der Firma CMP definierte Auswirkungsgebiet des Hafenprojekts auf ein realistisches Maß zu erweitern, indem die Nähe zu den oben genannten Schutzgebieten mitberücksichtigt wird. Dabei werden diese Schutzgebiete von zahlreichen bedrohten Tierarten als Brut- und Nistplätze sowie zur Futtersuche und Zwischenrast genutzt. Außerdem existieren in der Zone zwischen Punta de Chorros und Caleta Hornos mehr als 15 geschützte AMERB´s und 5 Aqua-Kulturen.
  4. Die Behörden wenden wiederholt auch ein, dass die Auswirkungen des Hafenprojektes insofern nur unvollständig betrachtet werden, indem nur ein Teil der Aktivitäten, die mit dem Hafen verbunden sind, berücksichtigt werden und andere, die voraussehbar nicht umweltverträglich sind wie z.B. der Schiffsverkehr, selbst einfach weggelassen werden. So hat die Firma CMP den Schiffsverkehr immer wieder als nicht in ihrer Verantwortung liegend bezeichnet und betont, dass der Transport über das Meer von Dritten ausgeführt wird. In deren Verantwortung läge entsprechend auch die Verhinderung des Einschleppens von exotischen Arten in ihrem Ballastwasser oder auch der Austritt von Kohlenwasserstoffen ins Meer. (3)
  5. Wir sind sehr irritiert darüber und können nicht nachvollziehen, dass Behörden wie Sernapesca, Subpesca und auch das regionale Umweltministerium, die sich gegen das Projekt ausgesprochen hatten, nun doch ihre Zustimmung gegeben haben, obwohl am Ende des Prozesses der Evaluation nicht zu erkennen ist, dass die strittigen Punkte verbessert wurden, die vorher zur Ablehnung geführt hatten.
  6. Schwerwiegend erscheint uns auch die Tatsache, dass der Antrag staatlicher Organe, das Projekt nach dem Gesetz Nr. 19.300 Artikel 11 Buchstabe d neu zur Umweltverträglichkeitsprüfung einzureichen, „einfach so“ ignoriert wurde. Es gibt kein einziges Dokument über diesen Vorgang im Sinne einer Antwort, es gibt keine Erklärung oder gar Diskussion in der Sache.
  7. Alles, was bisher ausgeführt wurde, bekommt eine noch höhere Bedeutung, wenn man sich klar macht, dass das Gebiet, in dem der Hafen „Cruz Grande“ und auch der Hafen des geplanten Minenprojektes „Dominga“ (Firma Andes Iron), projektiert sind, zu den 34 „Hotspots“ der Biodiversität auf Weltniveau gehört, die besonders schutzwürdig sind (Mittermeier et al. 2004 ). Diese Meeresregion weist eine ganz besondere Biodiversität auf, weil sich dort eines der zwei wichtigsten sogenannten Aufquellgebiete in Zentral- und Nordchile befindet, das eine hohe Produktion von Plankton und Phytoplankton ermöglicht. In der Folge verfügt das Gebiet über einen Reichtum an Fischen und Meeresfrüchten, die sowohl für bedrohte Tierarten als auch für die Küstenbewohner lebenswichtig sind.
  8. Zu den ganz herausragenden Merkmalen dieser Meeresregion gehören auch, dass hier  erstens 80% der weltweit noch vorhandenen Population des von der Ausrottung bedrohten Humboldt-Pinguins lebt und brütet (Rote Liste der IUCN ), zweitens die produktivsten AMERB´s der Region Coquimbo liegen und hier 60% der sogenannten Locos (Concholepas concholepas, eine Meeresschneckenart) der Region Coquimbo (4)  geerntet werden, drittens hier zahlreiche emblematische und bedrohte Tierarten beheimatet sind wie z.B. Buntscharbe, Großer Tümmler (eine Delfinart), südamerikanischer Seelöwe, Garnotsturmvogel, Meeresotter und viertens über 12 Arten von grossen und kleinen Walen hier ihre Nahrung finden.
  9. Akademiker und Wissenschaftler der chilenischen Universitäten, namhafte Sachverständige und öffentliche Behörden sprachen sich dafür aus, die Küste von La Higuera bis zur Insel Chanaral in der Kommune Freirina als “Área Marina y Costera Protegida de Multiples Usos“ (Meeresschutzzone mit verschiedener Nutzung) zu deklarieren und auf diese Weise die geschützten Meeres- und Küstengebiete Chiles um einen bedeutenden Prozentsatz  zu erweitern.
  10. Alle wissenschaftlichen Untersuchungen und gesammelten Informationen zum   Thema, sowohl von nationalen Sachverständigen, als auch internationalen Experten warnen übereinstimmend davor, dass der Bau eines großen Hafens und der Verkehr tonnenschwerer Schiffe nicht korrigierbare Schädigungen dieses wertvollen Ökosystems zur Folge hätte und in der Folge auch die Küsten-Fischer beeinträchtigte. „Gibt es wirklich keine andere Möglichkeit für den Transport von Erz?“
  11. Schlussendlich, sehr verehrte Frau Präsidentin, inspiriert durch Ihre eigene  Lebensgeschichte und Ihr soziales Engagement für allgemeine Wohlstand und Beteiligung der Bürger am Gemeinwesen, wenden wir uns an Sie auch als Frau und Mutter, als Professionale, die im Grunde ihres Herzens eine bessere Welt wünscht. Ebenso wie die meisten von uns möchten Sie erreichen, dass unsere Kinder auch in der Zukunft die großen Fische, die Locos und die Humboldt-Pinguine noch kennen lernen können.

Gabriele Knauf

Presidenta Sphenisco

 

Anm.

(1) Das Ziel von Sphenisco ist es, in Kooperation mit Wissenschaftlern  und Naturschützern in Chile und Peru die Ausrottung des Humboldtpinguins zu verhindern, die Lebens- und Reproduktionsbedingungen in seinem natürlichen Verbreitungsgebiet  und in menschlicher Obhut ( Zoos in aller Welt ) zu verbessern.

(2) … Im Rahmen der Umweltverträglichkeitsprüfung (SEIA) ... ist es Aufgabe der prüfenden Behörde (SEA) die mit Quantität und Qualität der Information zu prüfen, die eingebracht wurde. … Gesetz 20.417

(3) … Häfen, Navigationswege, Schiffswerften und ähnliches können in allen ihren Phasen Auswirkungen auf die Umwelt haben, weshalb sie auf ihre Umweltverträglichkeit überprüft werden müssen. Dazu gehören auch Wege der Schiffe auf dem Meer, auf Flüssen, Seen, das An-und Ablegen und der permanente Aufenthalt  größerer Schiffe, all das, was der Versorgung dieser Schiffe, deren Ladung, deren Passagieren oder Mannschaft dient. Art.3°, D.S. 95/2001 des Reglements der Umweltverträglichkeitsprüfung.

(4) Carcamo et al. 2011

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Humboldtpinguine (Foto: Stefan Görlitz)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Piqueros

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Escanear

   
© SPHENISCO

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.