Umweltbildung in einer zerstörten Stadt

Acorema verbindet nach dem Erdbeben in Pisco Naturschutz mit Sozialarbeit

 
Februar 2010
Blick von der Plaza de Armas auf die zerstörte Municipalidad und den Platz, an dem früher eine große Kirche stand. In ihr starben allein 300 Menschen.
  Februar 2010
Zerstörte Kuppel der Municipalidad


Paracas-Pisco 14. Februar 2010.

Warnungen von allen Seiten: Die Hafenstadt Pisco ist ein heißes Pflaster. Aus Vorsicht fahren wir deshalb immer mit dem gleichen Taxifahrer von Paracas nach Pisco. 20 Kilometer am Meer entlang, vorbei an der Fischmehl- und Fischölfabrik – gut zu erkennen am Geruch – vorbei an dem besonders armen Fischerdorf San Andres. Wir wollen Mitarbeiter von Acorema (Areas Costeras y Recursos Marinos) treffen.

Lebhafter Verkehr auf Pisco´s kaputten, vielfach unbefestigten Straßen. Unser Taxifahrer muss immer wieder Trümmerschutt und Baumaterial auf der Fahrbahn ausweichen. Im ganzen Stadtgebiet sehen wir auch 2,5 Jahren nach dem Erdbeben noch viele unbenutz-bare Ruinen und hinter Mauern versteckte Notquartiere. Damals starben in Pisco 596 Menschen, 80% der Gebäude wurden zerstört. Jeder, den wir treffen, erzählt vom 15. August 2007 und den Tagen danach. Vom Eingeschlossen-Sein im einstürzenden Haus, von getöteten Angehörigen, vom zerstörten Haus, von der verzweifelten Suche nach den Kindern, nach der Frau, vom Glück zwar alles verloren, aber mit allen Familienmitgliedern überlebt zu haben, von der Dunkelheit durch Staub, vom falschen Tsunami-Alarm der Plünderer, von der Massenflucht zur Panamericana. Wir sehen auch reparierte und neue Häuser. Die Bewohner berichten von ihren persönlichen Aufbauleistungen mit minimaler staatlicher Unterstützung und von den Baupreisen, die sich seit dem Beben verdoppelt haben. Der versprochene Wiederaufbau der Stadt scheint nicht stattgefunden zu haben. Der Neubau des Krankenhauses, die erdbebensicheren Häuser, die neuen Straßen, all dies wurde durch endlose Bürokratie, schlechte Organisation der Hilfsbemühungen und vor allem durch Korruption verhindert. So hat die Welt Pisco bald nach dem Beben wieder vergessen.

Bei dem Erdbeben waren auch Mitarbeiter von Acorema (Areas Costeras y Recursos Marinos) in Lebensgefahr und verloren ihr Zuhause. Sie leben seither wieder bei ihren Familien, teilweise bis zu 5 Fahrstunden von Pisco entfernt. Auch das Informations- und Schulungszentrum von Acorema im berühmte Tiravanti-Haus wurde völlig zerstört. Seit 1999 hatte die peruanische Naturschutzorganisation hier sehr erfolgreiche Bildungs- und Forschungsarbeit gemacht. Allein im Zeitraum von März bis August 2007 kamen 1647 Besucher, davon waren etwa 1300 Kinder und Jugendliche sowie 345 Erwachsene, darunter Lehrer, Schulrektoren, Vertreter von Behörden (z.B. Umweltbehörde), Bewohner von Pisco und aus anderen Städten sowie Touristenführer und ausländische Touristen. Die Besuchergruppen erhielten eine Führung durch die Ausstellungsräume und Vor-lesungen über Meeresökologie, Biologie der Delfine, Schutzmaßnahmen für Wale, Delfine, Humboldt-Pinguine und andere bedrohte Tierarten der Region. (s.a. Denise Wenger, 2008. Bericht über das Delfinschutz-Projekt Peru-Paracas der Gesellschaft zur Rettung der Delfine).

Nach dem Erdbeben kamen die Mitarbeiter von Acorema bei ihren Familien an anderen Orten unter. Als sie erfuhren, dass die Kinder weiter ihre Kurse haben wollten, nahmen sie die Bildungsarbeit in der zerstörten Stadt wieder auf und pendeln seither zwischen ihren Familien und Pisco. Für Kinder und auch viele Erwachsene, die nach dem Erbeben in den Straßen lebten, fanden so fast wöchentlich mobile Puppentheater-Aufführungen in den Straßen statt. Die vorgespielten Geschichten haben immer etwas mit Naturschutz zu tun, sind informativ, aber zudem lustig und unterhaltsam gemacht und boten so den Kindern ein wenig Ablenkung von dem erlittenen Schrecken und den Alltagsnöten. Die Auf-führungen wurden gemeinsam mit Mitarbeitern des Paracas National-Reservats durchgeführt. Da viele Schulen in der Region Ica/Paracas/Pisco auch lange nach dem Erdbeben, teilweise bis heute, ohne Stromversorgung blieben, entwarfen die Mitarbeiter von Acorema eine tragbare Ausrüstung, um an den Schulen arbeiten zu können. Unmittelbar nach dem Erdbeben beteiligte sich Acorema außerdem an der Verteilung von Hilfsgütern. So schafften die Mitarbeiter von Acorema in Chaos und Zerstörung eine unglaubliche Kontinuität. Sie setzten trotz ihres eigenen, persönlichen Unglücks und der Zerstörung ihres Zentrums die Naturschutzarbeit und die Schulprojekte fort.

Seit März 2008 kann Acorema auch wieder in eigenen Räumen im Zentrum von Pisco arbeiten. Das Büro konnte dank finanzieller Förderung durch Mittel aus dem „Hand in Hand-Fond“ (Deutsche Umwelthilfe, Rapunzel Naturkost), Spendengelder der Gesellschaft zur Rettung der Delfine (GRD) und Unterstützung seitens der amerikanischen Organisation AVINA angemietet werden. 
Im August 2008 wurden auch zwei kleine Landparzellen in der Nähe des Stadtzentrums für das neue Meeresschutzzentrum gekauft. Eine amerikanische Organisation ist bereit, Entwürfe eines Architekten für ökologisches Bauen zu finanzieren. Für den geplanten Neubau werden von der Gesellschaft zur Rettung der Delfine (GRD) seither Sponsoren gesucht und Spendengelder gesammelt. Auch Sphenisco wird sich überlegen müssen, auf welche Weise der Verein den Wiederaufbau des Zentrums und die Arbeit von Acorema in Pisco unterstützen kann.

Werner Knauf

 © Fotos der Puppentheater-Aufführungen von Acorema

   
© SPHENISCO