Neueste Beiträge

  • Mo
    Jul
    15
    2019
    32 zugriffe
    Sphenisco-Jahrestreffen unter dem Motto „Für Vielfalt gegen Einfalt“
    Sphenisco-Jahrestreffen unter dem Motto „Für Vielfalt gegen Einfalt“ Saarbrücken 13. Juli 2019.   Wie üblich hatte Sphenisco am letzten Junisamstag, der dieses Jahr auf den 29. fiel, um 13:30 Uhr z...
  • Di
    Jul
    09
    2019
    92 zugriffe
    Argumente gegen „Dominga“
    Argumente gegen „Dominga“ - Vortrag bei den Beratern der Regionalregierung Coquimbo - La Serena, Landau 6. Juli 2019. Am 11. Juni haben Rosa Rojas (Bürgerinitiative MODEMA) und Nancy Duman (Spheni...
   

Zivilcourage

Bei den Umweltschützern in der Gemeinde La Higuera, Nordchile 

Punta de Choros 17. Januar 2010.

ZivilcourageNoch ist alles grau, das Meer und auch die Inseln Choros und Damas. Ein neuer Tag. Es ist ganz still vor unserer Cabaña, nur der Pazifik rollt gegen die Küste. Auch gestern sah in Punta de Choros alles nach Urlaub aus. Sonne satt, viele Restaurants locken mit frischen Meeresfrüchten, Reineta, Congrio, Locos ..., fröhliche Touristen bei der Rückkehr aus dem „Nationalen Schutzgebiet des Humboldt-Pinguins“, sportliche Taucher und Taucherinnen in der Tauchschule, kleine Häuser mit großer Blütenpracht auf engstem Raum, unerwartete Wüstenidylle. In wenigen Stunden haben wir ungewöhnlich viele sympathische Menschen getroffen, Jan, Jose, Silvia, Gabriel, Yvonne, ihre Familien und natürlich Rosa, unsere Gastgeberin. Ein kleiner Kaffee hier, ein Saft dort, ein Menu „Marke Hausfrau“ vom feinsten, eine Wanderung über unendlich lange, leere Strände, wir sind in einem kleinen Paradies.

Das kleine Paradies steht zur Disposition, die sympathischen Menschen sind Kämpfer. Sie kämpfen gegen die Pläne der übermächtigen Konzerne, Codelco, Suez Energy, Compañia Minera del Pacífico (CMP), die in ihrer Kommune 3 Kohlekraftwerke errichten wollen. Sie haben sich organisiert, haben Eingaben gemacht, demonstriert, Interviews gegeben und und und. Sie sind eine Bürgerbewegung geworden mit großen, kleinen und kleinsten Unternehmern, Fischern und Bauern, Rentnern und jungen Gewerkschaftern, Rechten und Linken, sie alle haben ihren Platz bei MODEMA.  Viele von ihnen wachen schon morgens auf, wie Jan es ausdrückt, mit den Gedanken an die Bedrohung ihrer Existenz. Und die Gedanken an ihr gefährdetes Paradies, das ein Hotspot der Biodiversität von Weltrang ist, begleiten sie noch bis in den Schlaf, seit nunmehr 3 Jahren. Jan, Gabriel und andere von Modema sind per SMS mit dem Tode bedroht worden. Sie waren starr vor Schreck, mit einem Schlag war jede Sicherheit verloren. Sie haben Stand gehalten, haben Anzeige erstattet. Suez Energy hat sich von der Morddrohung distanziert. Inzwischen wurde das Handy ermittelt. Es gehört einer Señiora aus Los Hornos. Sie hat die SMS wohl nicht geschickt, vielleicht ihr Sohn? Oder ihre Tochter? Ein Nachweis ist nicht möglich. Die Drohung ist geblieben, aber die Bürgerbewegung  hat neue Unterstützung gefunden. International tätige Umweltanwälte (Environmental Defender Law Center) werden ihre Sache rechtlich vertreten ohne Honorar. In Los Hornos ist Geld geflossen, wie zu hören ist. Seitdem gibt es auch Befürworter der Kraftwerke im Ort. Jetzt stehen Gegner und Befürworter einander unversöhnlich gegenüber. Darf ein Unternehmen den sozialen Frieden aktiv zerstören?

Am Anfang wussten die meisten in der Gemeinde La Higuera nicht was Kontamination ist, auch Erklärungen halfen damals nicht viel weiter, nicht wirklich fassbar, viel zu abstrakt. Jetzt kennen immer mehr die Namen der anderen Kohlekraftwerke, die in Chile andere Gemeinden kontaminiert haben, Las Ventanas, Los Robles, Huasco ...  einige haben mit Bürgern von dort gesprochen oder per Email korrespondiert. Jetzt sehen sie in Filmen, wie Qualm die Sonne verfinstert, sehen Pflanzen, die unter Ruß und Kohlestaub erstickt sind und Gewässer schwarz wie Kohle. Jahrelange Kontamination, chilenische Stadt-viertel und Landschaften wie nach einem Krieg.

Gestern Abend haben sie anlässlich unseres Besuches, des Besuches von Sphenisco, eine kleine Versammlung gemacht. 4 Personen, die sich achten, respektvoll mit einander umgehen, respektvoll über andere sprechen und ganz ihre Sache in den Vordergrund stellen. Die gute Nachricht des Abends, der Verteidigungsminister hat das Nein der Marine zum Bau der Kraftwerke bestätigt. Der Versuch von Suez Energy, die Entscheidung des Unterstaatssekretariats der Marine (Subsecretaria de Marina) (Bericht vom 12. November) zu kippen, ist fehlgeschlagen. Ohne die Konzession der Marine darf die Firma kein Wasser aus dem Pazifik entnehmen, es nicht zurückleiten und auch keine Kohle anlanden. Im Falle einer Baugenehmigung von der dafür zuständigen Behörde, hätte Suez Energy zwar ein Kraftwerk, könnte es aber nicht betreiben. Erneut ein großer Erfolg für die kleinen Leute aus La Higuera kurz vor der Präsidentschaftswahl.  

Wenn heute Abend die Sonne hinter der Insel Choros untergeht, geht für die einen ein Arbeits-, für die anderen ein Urlaubstag zu Ende. Dann ist in Chile auch ein Wahltag zu Ende gegangen. Wenn Sebastián Piñera Präsident wird, dann wechseln auch alle Verantwortlichen bei den zuständigen Behörden und regionalen Regierungsstellen. Dann müssen Rosa, Jan und die anderen von vorne anfangen, um die neuen Autoritäten zu überzeugen. Sie sind manchmal müde, aber sie werden weitermachen.

Werner Knauf

   
© SPHENISCO