Südring 1 - mein persönlicher Applaus

Ettlingen, 26. November 2017.

Das Wort Nostalgie kommt, glaube ich aus dem Griechischen nóstos (Rückkehr, Heimkehr) und álgos (Schmerz). Das hat der Dokumentarfilm von Gabriele und Werner Knauf „ Ein Haus erzählt“ in mir ausgelöst. Das ist aber nichts Schlimmes. Auch Sentimentalität ist nichts Schlimmes. Schlimm ist die Empathielosigkeit unserer modernen Zeit und Gesellschaft. Ich mag Kritik nicht. Ich mag lieber das subjektive Urteil: „Der Salat war zu sauer. Das Fleisch war zu fett. Die Frau ist schön.“ Aber wenn einer beckmessert und er selbst kann nichts, als nur kritisieren, dann ist er für mich so was wie ein Eunuch (der kann auch nur kritisieren, bringt ihn aber nicht hoch).

FilmplakatDie Filmer sind Amateure und was sie da mit ihren begrenzten (nicht bescheidenen oder beschränkten) Mitteln fertig gebracht haben, war große Nostalgie und gefühlvolle Sentimentalität und wie gesagt, das ist nichts Schlimmes und außerdem ist das keine Kritik sondern ein subjektives Urteil. Zuerst geht es um ein Haus, ein Haus im Stil der Gründerzeit. Gründer, das ist was anderes wie Aktionär oder Investor. Ein Gründer hat was geschafft und dann zeigt er stolz, mit berechtigten Stolz, seinen Erfolg. Wo steht der Satz „Wer hat gebaut dies stattlich Haus?“. Der Anblick eines Gründerzeit–Hauses mit seinem Vorzeigen von Wohlhabenheit, aber auch von der mit dem Wohlstand erworbenen Ästhetik, macht mich nicht ein bisschen neidisch, aber ich muss gestehen, der überdimensionierte Swimmingpool und der Maserati im Carport schon. Dann zeigt der Film die sich wandelnde Zeit mit so einfachen jedoch eindrucksvollen Mitteln. Das ist auch wieder keine Kritik, das ist die Portion Nostalgie, wenn man denkt, nein, man fühlt es „die gute alte Zeit“. Doch gleich zeigt der Film uns, ziemlich krass: Es ist nicht alles Gold was glänzt, es ist aber alles Blut, was im Krieg fließt. Kritik ist nicht mein Ding. Was mit den Juden in Nazi–Deutschland geschehen ist, kann keine Nostalgie bringen. Und Bilder, über das Leiden der Landauer Juden, ist auch nicht etwas das Sentimentalität auslöst, aber Zorn löst es aus. Geschickt blenden die Filmemacher original Bilder aus jener Zeit ein, mit Parolen wie: „Die Juden sind unser Unglück“. Wie blöd war unser Volk, dass sie die Weltanschauung der Nazis und Hitlers für unser Glück gehalten haben. Und wie blöd müssen die sein, die sich an diese Vergangenheit mit Nostalgie erinnern. Dann aber zeigt der Film etwas Sentimentales, aber wieder muss ich betonen, dass ich nicht Kritik ausübe, sondern mein subjektives Urteil abgebe. Es sind die Szenen der Juden, die überlebt haben und nach Landau kommen, um die Hand der Versöhnung auszustrecken. Der Polizeibeamte, der die ehemaligen jüdischen Besitzer des Hauses Südring 1, im Film durch das Haus geführt hat, konnte seine Gefühle der Kamera nicht verbergen. Mir hat der Film gefallen und die 550 anwesenden Landauer waren ziemlich begeistert. Ich finde das Zurückschauen nostalgisch schön. Man kann nicht immer nach vorne schauen. Das ist jetzt Kritik. Über den Film sage ich: „Der Salat war so was von frisch, das Fleisch war auf den Punkt gebraten und die Frau ist immer noch schön.“

Fritz Pechovsky, 92 Jahre, Mitglied von Sphenisco

Link zum Film: 

https://vimeo.com/242292371

   
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